Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy

Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Commedia Sexy
Luigi Comencinis zweite Zusammenarbeit mit Catherine Spaak

Mittwoch, 17. Mai 2017

La bugiarda 1965 Luigi Comencini


Silvana/Maria (Catherine Spaak) bei der Vorbereitung im Taxi-Fonds
Inhalt: Eine Stewardess (Catherine Spaak) scheint in Eile. Geschwind nimmt die uniformierte junge Frau ihr Gepäck aus dem Taxi und eilt in die Empfangshalle des römischen Flughafens. Doch statt sich zu ihrer Crew zu begeben, läuft sie an das entgegen gelegene Ende der Halle und verlässt diese wieder, um sich in den Fonds eines amerikanischen Straßenkreuzers zu setzen. Nachdem sie freundlich vom Chauffeur (Riccardo Cucciolla) begrüßt wurde, nimmt dieser sofort Fahrt auf in Richtung eines römischen Palazzo im Zentrum der Stadt, um sie - am Ziel angekommen - schnell zu ihrem modern eingerichteten Appartement zu geleiten. 

Graf Silveri (Enrico Maria Salerno) beim zweiten Teil des Weihnachtsabends
Während es sich Silvana, wie sie sich nennt, bequem macht, versucht Graf Adriano Silveri (Enrico Maria Salerno) ein Stockwerk tiefer das weihnachtliche Dinner zu beenden, zudem er sich mit seiner Frau und zwei älteren männlichen Familienangehörigen zusammen gefunden hat. Mit wenig Appetit sitzt er vor seinem Teller und muss sich die spöttischen Bemerkungen seiner Frau hinsichtlich seiner Lustlosigkeit sowohl beim Essen als auch beim Sex gefallen lassen. Doch davon ist nur wenig zu bemerken, als er endlich mit Silvana in deren von ihm zur Verfügung gestellten Appartement zusammen sitzt. Er häuft sich den Teller voll und freut sich auf die Weihnachtstage mit ihr, aber sie beklagt, dass sich schon am nächsten Tag wieder ihren Dienst antreten muss. Schweren Herzens versichert er ihr seine Liebe und lässt sie von seinem Chauffeur wieder zum Flughafen bringen. Von wo sie sogleich wieder ein Taxi in Richtung Stadt nimmt… 


Ein junge "Stewardess" in Eile, um rechtzeitig...
Die damals noch 19jährige Catherine Spaak gleitet in ihrem Stewardessen-Kostüm aus dem Fond eines Taxis und betritt beschwingt die Eingangshalle des römischen Flughafens - um sie gleich darauf wieder an einer anderen Seite zu verlassen. Dort wartet ein amerikanischer Straßenkreuzer auf sie, auf dessen breiter Rückbank sie Platz nimmt. Bis sie an der Pforte eines römischen Palazzo ankommt, wo sie sich kurz unter einer Decke verbirgt, die ihr der Chauffeur (Riccardo Cucciolla) reicht, der sie auch zu ihrem Appartement unter dem Dach begleitet. Dort angekommen entledigt sie sich zuerst ihres Kostüms, um es sich auf der Chaiselongue bequem zu machen, während ihr der Chauffeur - inzwischen ins Diener-Fach gewechselt - die Hausschuhe reicht.

...zum Chauffeur (Riccardo Cucciolla) ihres Geliebten zu gelangen
Nachdem Luigi Comencini in "Tre notti d'amore" (Drei Liebesnächte, 1964) eine von drei Episoden als Regisseur verantwortet hatte, in denen Catherine Spaak jeweils in unterschiedlichen Frauenrollen im Zentrum gestanden hatte, drehte er diesmal den kompletten Film mit ihr. Und wiederholte im Prinzip die Idee. Erneut sieht sich Catherine Spaak drei Männertypen gegenüber - darunter wieder mit Enrico Maria Salerno als deutlich älterem Liebhaber. Nur blieb sie bei einem Frauencharakter, der aber ähnlich wandelbar ausfiel. Meist nennt sie sich Silvana, Anderen gegenüber auch Maria. Mal gibt sie sich als Stewardess, dann als Studentin aus. Oder lebt in den Tag hinein in einer kleinen Wohnung, die sie sich mit einer Freundin (Janine Reynaud) teilt, einer echten Stewardess. Optisch weiß sie sich ähnlich variabel zu inszenieren. Ob ihr langes blondes Haar offen tragend oder mit dunkler Perücke, im Kostüm oder leger auf dem Bett liegend, modisch schick ist sie immer. Stil, Eleganz und Leichtigkeit - "La bugiarda" ist 60er Jahre pur.

Gemeinsame Stunden mit dem Zahnarzt Arturo Santini (Marc Michel)...
Trotzdem ist der Film heute nahezu unbekannt und kam Mitte der 60er Jahre nicht einmal in die deutschen Kinos, obwohl Luigi Comencinis Komödie über eine Frau zwischen drei Männern ganz dem damaligen Zeitgeschmack entsprach: dezent frivol, spielerisch lässig im Umgang mit den Geschlechter-Klischees und – wie bei Catherine Spaaks Rollen gewohnt – emanzipatorisch frech. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied. „La bugiarda“ (Die Lügnerin), dessen Drehbuch auf dem gleichnamigen 1956 herausgekommenen Theaterstück von Diego Fabbri basierte, nahm seine weibliche Hauptrolle in ihrer Position ganz ernst. Das wird schon am Beginn des Films deutlich, der sich den normalerweise ungünstigsten Zeitpunkt für wechselndes Liebesgeplänkel aussuchte: Weihnachten. Auch Graf Adriano Silveri (Enrico Maria Salerno) und der Zahnarzt Arturo Santini (Marc Michel) werden von der Ehefrau oder den zahlreichen Familienmitgliedern komplett in Beschlag genommen. Da bleibt für eine Geliebte normalerweise nur die Nebenrolle. Nicht so bei Silvana/Maria (Catherine Spaak), die von einem Ort zum nächsten hetzt und mit der Organisation ihrer Geschenkeverteilung kaum nachkommt. Schließlich plant sie noch einen Besuch bei den Nonnen im Waisenhaus, unter deren Obhut sie aufgewachsen ist.

...und dem Studenten Gianni (Manuel Miranda)
Bis zu diesem Zeitpunkt lässt der Film offen, wie konkret die Beziehungen der jungen Frau zu dem deutlich älteren verheirateten Grafen, dem heiratswilligen Zahnarzt und dem gleichaltrigen Studenten (Manuel Miranda) sind. Auch ihre Beweggründe oder ihre emotionale Gewichtung bleiben bis dahin im Ungefähren. Bis sie im Beichtstuhl sitzt. Nicht dass sie sich darum gerissen hätte, aber sie möchte die Nonnen nicht enttäuschen. Häppchenweise offenbart sie dem Pfarrer ihre Situation, der jede ihrer Informationen zu relativieren versucht, bis er rot angelaufen fluchtartig den Beichtstuhl verlässt. Ein für Diego Fabbri typisches Szenario, der seine Stücke vorzugsweise vor dem Hintergrund der katholischen Kirche spielen ließ und die Konfrontation mit deren moralischen Ansprüchen suchte. Denn Silvana/Maria hat nicht nur zu allen drei Männern ein sexuelles Verhältnis, sie hat auch nicht vor, daran etwas zu ändern oder diese bürgerlich zu legitimieren. Die Forderung des Pfarrers, ihr Verhalten zu bereuen, lehnt sie konsequent ab.

Entspannung: zu Hause mit ihrer Mitbewohnerin (Janine Reynaud)
Comencini inszenierte die Sequenz am Beichtstuhl mit so viel Witz und Tempo, dass sich aus heutiger Sicht kaum noch erschließt, wie sehr „La bugiarda“ damals gegen Tabus verstieß. Sex mit verschiedenen Partnern regt heute Niemanden mehr auf, aber die Leichtigkeit, mit der sich Frau hier drei männliche Liebhaber leistet, ohne heimlich von einer festen Beziehung zu träumen – und damit wie ein Mann zu handeln - ist immer noch nicht selbstverständlich. Auch in „La bugiarda“ schien die Strafe für Silvanas/Marias unmoralischen Lebenswandel auf dem Fuß zu folgen. Die Maschine, in der sie als Stewardess angeblich mitgeflogen war, wird vermisst. Und es dauert nicht lange, bis sich die besorgten Liebhaber Silveri und Santini am Flughafen begegnen und feststellen müssen, dass sie mit derselben Frau liiert sind. Zuerst schweißt sie ihre Trauer zusammen, aber als sie erfahren, dass sie keine Stewardess ist – wann hätte sie auch arbeiten sollen, schließlich war die gesamte Woche schon für die Männer verplant – und entsprechend nicht abgestürzt sein kann, sind sie sich einen Moment lang nicht mehr sicher, ob sie sich darüber freuen sollen.

Ärger: die Männer haben die Wahrheit erfahren
Komödien mit jungen, attraktiven Frauen, die mit mehreren Männern poussieren, kamen in den 60er Jahren zwar in Mode, aber sie endeten fast immer in der gewohnten Ordnung einer monogamen Paar-Beziehung. „La bugiarda“ drehte den Spieß einfach um. Statt der ertappten Lügnerin werden ihre beiden Liebhaber vorgeführt – der Dritte erfährt nichts von dieser Situation, die Anderen nichts von ihm -, deren aus gemeinsamer Empörung geschlossener Pakt schnell bricht. Stattdessen versuchen sie sich gegenseitig auszustechen, da sie sich jeweils für den einzigen legitimen Partner halten. Ihr Besitzanspruch an eine junge Frau, die ihnen nie eine konkrete Beziehung versprochen hatte, droht eine Konstellation zu zerstören, die zuvor nur Profiteure kannte. Dass Silvana/Maria einen vorgetäuschten Selbstmordversuch unternimmt, um das schlechte Gewissen der beiden Männer noch zu bestärken, ist angesichts ihres souveränen Auftretens unter ihrem Niveau und der einzige Schwachpunkt eines Films, der elegant und ohne erhobenen Zeigefinger mit Sexualität und tradierten Geschlechterrollen jonglierte.

Auflösung: Silvana/Maria bleibt entspannt
Das letzte Wort gehört in „La bugiarda“ dem sonst im Hintergrund bleibenden dritten Liebhaber. Er will erfahren haben, dass Silvana gar keine Studentin ist, sondern Stewardess. Doch keine Kritik kommt wegen ihrer falschen Behauptung über seine Lippen, denn als modern denkender Mann findet er es gut, dass auch Frauen arbeiten. Sie lächelt.  


"La bugiarda" Italien, Frankreich, Spanien 1965, Regie: Luigi Comencini, Drehbuch: Luigi Comencini, Marcello Fondato, Diego Fabbri (Theaterstück), Darsteller : Catherine Spaak, Enrico Maria Salerno, Marc Michel, Manuel Miranda, Riccardo Cucciolla, Janine Reynaud, Laufzeit : 91 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Luigi Comencini: 

"Pane, amore e fantasia" (1953) 
"A cavallo della tigre" (1961) 
"Tre notti d'amore" (1964) 
"Le bambole" (1965) 
"Delitto d'amore" (1974)

Sonntag, 9. April 2017

Le soldatesse 1965 Valerio Zurlini


Sergente Castagnoli (Mario Adorf) und Tenente Martino (Tomas Milian)...
Inhalt: Athen Frühjahr 1942 – Griechenland ist seit einem Jahr von deutschen und italienischen Truppen besetzt und besonders die städtische Bevölkerung leidet unter großem Hunger. Der junge italienische Offizier Tenente Gaetano Martino (Tomas Milian), der diese Situation unerträglich findet, erhält den Auftrag zwölf Frauen als Nachschub für die Bordelle an Stützpunkte der italienischen Armee zu verteilen. Nur der Hunger trieb die jungen Griechinnen in die Prostitution, was Martinos Aufgabe zusätzlich erschwert, denn die in der unübersichtlichen Hügellandschaft lauernden Partisanengruppen reagieren mit Hass auf diese Erniedrigung.

... nehmen die Frauen in Empfang (vorne Valeria Moriconi)
Nachdem sie jeweils eine Essensration erhielten, setzt sich der von Sergente Castagnoli (Mario Adorf) gelenkte LKW mit den Frauen auf der Ladefläche in Bewegung. Im letzten Augenblick springt noch die jüngere Schwester von Toula (Lea Massari) auf, weshalb Martino die Fahrt sofort stoppen lässt. Er kann nur mit zwölf Frauen den von den Deutschen am Rand Athens bewachten Kontrollpunkt passieren, weshalb sie wieder abspringen soll. Aber die Frauen geben sie nicht wieder heraus, weshalb Martino das Risiko auf sich nimmt. Es gelingt ihnen die Kontrolle zu passieren, aber mit Major Alessi (Aleksandar Gavric), einem Offizier der faschistischen Miliz, gesellt sich ein Passagier dazu, der zu seiner Einheit mitgenommen werden will. Ihn stören die Frauen nicht – im Gegenteil... 


In Erinnerung an Tomas Milian, gestorben am 22.03.2017 mit 84 Jahren 

Tomas Milians Auseinandersetzungen im Polizieschi der 70er Jahre mit Maurizio Merli ("Roma a mano armata" (Die Viper, 1976)) sind ebenso legendär wie sein "Superbulle" Nico Giraldi ("Squadra antiscippo" (Der Superbulle mit der Strickmütze, 1976)) oder seine Outlaw-Rollen im Italo-Western ("La resa dei conti" (Der Gehetzte der Sierra Nevada, 1966)). Obwohl die Stimme des gebürtigen Kubaners synchronisiert werden musste, wirkte er immer authentisch - ein entscheidender Grund für seine anhaltend große Beliebtheit. Aus heutiger Sicht ist nur noch schwer nachvollziehbar, wie politisch seine Rollen in ihrer Entstehungszeit waren. Seine Diskussionen mit dem nicht weniger authentischen "Law and Order"-Mann Merli am Set bildeten die Grundlage für ihre Dispute auf der Leinwand und die Verkörperung eines Polizisten mit antibürgerlicher Attitüde, der Sympathien für die kleinen Gauner in seinem römischen Viertel zeigte, war ein klarer Verstoß gegen das typische Abbild eines "Gesetzeshüters".

Aus seiner linksgerichteten politischen Haltung hatte Milian nie ein Geheimnis gemacht, aber sein Einstieg ins europäische Kino, dass ihn mit Regisseuren wie Mauro Bolognini ("La notte brava" (Wir von der Straße, 1959)), Alberto Lattuada ("L'imprevisto", (Bevor das Licht erlöscht,1961)), Nanni Loy ("Un giorna da leoni", 1961) oder Luchino Visconti ("Boccaccio '70" dritte Episode, 1962) zusammenarbeiten ließ, ist heute nahezu vergessen. Valerio Zurlinis "Le soldatesse" entstand ein Jahr bevor Milians Popularität mit seinem ersten Italo-Western neue Dimensionen erreichte und steht stellvertretend für diese Phase. 


"Die Einen sagen, ihr habt verloren, die Anderen, ihr habt gewonnen?" 

Begutachtung im Bordell
Die von der jungen Griechin Elenitza (Anna Karina) spöttisch an den italienischen Offizier Tenente Gaetano Martino (Tomas Milian) gerichtete Frage bleibt ohne Antwort, führt aber mitten in ein Kapitel des 2.Weltkriegs, das dessen Irrsinn plakativ offenbart. Diktator Benito Mussolini hatte entgegen dem Wunsch seines Verbündeten Adolf Hitler im Frühjahr 1941 von Albanien aus Griechenland angegriffen, wurde von der griechischen Armee aber innerhalb weniger Tage wieder hinter die Ausgangslinie zurückgedrängt. Anders als geplant sah sich die deutsche Heeresleitung deshalb gezwungen, Griechenland (und parallel Jugoslawien) anzugreifen, um Italien zu Hilfe zu kommen. Mit dem Ergebnis, dass das Land nicht nur von deutschen Soldaten okkupiert wurde, sondern auch von italienischen, die erneut in das Geschehen eingriffen, nachdem sich die Situation zu ihren Gunsten gewendet hatte. Der Makel eines Siegers zweiter Klasse blieb haften. Darauf ging Regisseur Zurlini zwar nicht näher ein, aber das selbstherrliche Verhalten der Armee gegenüber der einheimischen Bevölkerung lässt sich in „Le soldatesse“ nicht losgelöst davon betrachten.

Elenitza (Anna Karina)
Die Handlung setzt ein Jahr später ein, als in Griechenland in Folge der Besatzung eine verheerende Hungersnot herrscht. Tenente Martinos Stimme erklingt aus dem Off und beschreibt Athen als einen Ort, in dem das Sterben alltäglich geworden ist. Sein Wunsch, von hier verlegt zu werden, erfüllt sich schneller als erwartet. Doch der Auftrag, der ihn zurück nach Albanien führen soll, steigert noch die Absurdität einer Situation, deren Konsequenzen Ugo Pirro in seiner Drehbuch-Vorlage auf die private Ebene verlagerte – auf die Beziehung von Mann und Frau. Gemeinsam mit Sergente Castagnoli (Mario Adorf), der ihm als Fahrer zugewiesen wird, soll Martino mit einem LKW zwölf Prostituierte auf mehrere Stützpunkte der italienischen Armee verteilen, wo sie Mannschaft und Offizieren im Bordell zur Verfügung stehen sollen.

Toula (Lea Massari)
Außer der gebürtigen Italienerin Ebe (Valeria Moriconi), die seit ihrem 14. Lebensjahr auf den Strich geht, ging keine der zwölf Frauen vor Kriegsausbruch der Prostitution nach. Erst der Hunger trieb die jungen Griechinnen dazu, ihre Körper zu verkaufen. Ihnen gegenüber stehen Männer, die nicht nur Mitschuld an ihrer Situation tragen, sondern als Sieger ganz selbstverständlich ihre Dienste in Anspruch nehmen. Eine Erniedrigung der einheimischen Bevölkerung, die den Hass der Partisanengruppen noch zusätzlich schürt und Martinos Tour mit dem Lastwagen durch die schwer einsehbare Hügellandschaft zu einem Himmelfahrtskommando werden lässt. In dieser Zuspitzung erinnert „Le soldatesse“ an "Le salaire de la peur" (Lohn der Angst, 1953), aber Regisseur Zurlini forcierte nicht die offensichtliche Dramatik – auch hinsichtlich der Action-Einlagen blieb er zurückhaltend – sondern konzentrierte sich auf das Verhältnis der Protagonisten untereinander und schlug so den Bogen in die Gegenwart des Jahres 1965.

Eftikia (Marie Laforet)
In seiner kräftigen Schwarz-Weiß-Optik, den Bildern von Zerstörung des Krieges und dem Leid der Bevölkerung, zitierte Zurlini den Neorealismus der 40er Jahre. Dagegen scheinen die schönen jungen Frauen, die als Bezahlung eine Essensration bekommen, mit ihren toupierten Frisuren und den langen künstlichen Wimpern direkt aus den 60er Jahren zu stammen. Anna Karina („Une femme est une femme“ (Eine Frau ist eine Frau, 1960)), Lea Massari ("L'avventura" (Die mit der Liebe spielen, 1960)) und Marie Laforêt („Chasse à l'homme“ (Jagd auf Männer, 1964)) gehörten zur selbstbewussten Riege junger Darstellerinnen im aufkommenden Avantgarde-Kino der 60er Jahre und diese Attitüde sollten sie auch in Zurlinis Film nicht ablegen. Anna Karina gab die kecke Blondine, die sofort mit Martinos Befehlshaber (Guido Alberti) flirtet, Lea Massari als Toula erträgt die Situation mit fatalistischer Geduld und die intellektuelle Eftikia (Marie Laforêt) verweigert sich in offen gezeigter Ablehnung.

Major Alessi (Aleksandar Gavric) hat seinen Spaß...
Ihnen gegenüber stehen drei exemplarische Männer-Typen. Mario Adorf spielte einen so rustikalen, wie sympathischen Unteroffizier, der sich mit den Mädels seinen Spaß macht und sich bald mit der nicht weniger pragmatischen Ebe anfreundet. Tomas Milian als junger Offizier, der sich einst freiwillig zum Kriegseinsatz gemeldet hatte, ist mit seinem Anstand und seiner Ernsthaftigkeit ein Kontrapunkt innerhalb des Militärs. Er behandelt die Frauen nicht nur mit Respekt, sondern ist angewidert von der Übergriffigkeit seiner Geschlechtsgenossen. Elenitza verliebt sich in ihn und verbringt eine gemeinsame Nacht mit ihm, aber sie spürt, dass sein Herz der spröden Eftikia gehört. Die reflexive Figur des Tenente Martino lässt sich nur schwer in den 40er Jahren verorten, sondern repräsentierte die kritische Haltung des Regisseurs und seiner Autoren Mitte der 60er Jahre. Dagegen erscheint Major Alessi (Aleksandar Gavric), ein Offizier der faschistischen Miliz (MVSN), der an einem Kontrollpunkt als dritter männlicher Protagonist dazu stößt, in seinem charakteristischen „Schwarzhemd“ prototypisch für diese Phase.

...den seine Miliz-Kameraden auch verlangen
Doch Zurlini war weniger an dessen politischer Haltung interessiert, als an dessen männlicher Überheblichkeit. Der eitle Alessi agiert geradezu lässig - als wäre alles ein großes Abenteuer - und lässt sich in einer Pause auch nicht die Gelegenheit entgehen, mit Toula ins Gebüsch zu steigen. Sehr zum Ärger von Martino, der den inneren Widerwillen der jungen Frau spürte. Auffällig ist, wie häufig Mussolinis Waffengarde im italienischen Film bis zur Lächerlichkeit karikiert wurde. In Filmen wie "Amori di mezzo secolo" (3. Episode, 1954) oder Dino Risis Komödie über den „Marsch nach Rom“ („La marcia su Roma“, 1962) wurden die „Schwarzhemden“ als vergnügungssüchtige Nutznießer ihrer Machtposition überzeichnet. „Le soldatesse“ demonstrierte dieses Verhalten in einer Szene, in der ein LKW voller johlender Milizen über die Landstraße fährt, die sofort mehrere Mädchen von Martino einfordern. Gezwungenermaßen überlässt er ihnen eine noch sehr junge Frau, die von den Männern freudestrahlend auf der Ladefläche in Empfang genommen wird. Am nächsten Tag sind sie alle tot. Erschossen von Partisanen, in deren Hinterhalt sie geraten sind.

Abendliche Entspannung am Eisenbahnwaggon
Eine Szene, die signifikant für den Paradigmen-Wechsel in „Le soldatesse“ steht. Trotz seines realistischen Szenarios wird Zurlinis Film in seinen ersten zwei Dritteln durch die Konfrontation sexuell ausgehungerter junger Männer mit den hübschen Frauen geprägt. Wenn Martino mit seinem LKW an Kontrollpunkten und Stützpunkten auftaucht, treten die Kriegswirren in den Hintergrund. Den Höhepunkt dieser Phase erreicht der Film, als sie auf ihrer Fahrt einen zurückgelassenen Zugwaggon entdecken, der ihnen eine Nacht mit Bett und sanitären Annehmlichkeiten bietet. Frisch rasiert und geschminkt kommen sich Männer und Frauen näher – ein Zustand der Normalität, der auch den Betrachter die lebensgefährliche Situation einen Moment lang vergessen lässt. Und damit die Schockwirkung vergrößert, als plötzlich Gewalt und Tod über die Beteiligten hereinbrechen.

Martino und Eftikia
Vordergründig erscheint „Le soldatesse“ widersprüchlich. Szenen von Menschen in größter Not treffen auf Feierlaune, Kriegsgefahr stößt auf Amüsement, der Suche nach schneller Befriedigung steht Martinos sensibles Zugehen auf die Griechin Eftikia gegenüber. Welche Intention verfolgte der Film? – Für eine Komödie oder Persiflage ist er zu ernsthaft, für eine Anklage an Krieg und Faschismus wirkt er zu leicht und als Plädoyer für Völkerverständigung zu privat. Schon der Filmtitel irritiert. Von weiblichen Soldaten ist hier nichts zu sehen. Die Prostituierten wollen nur überleben. Zurlini kam dem allgemeinen Irrsinn damit ganz nah, denn an den charakterlichen Schattierungen jedes Einzelnen wird deutlich, dass hier Jeder zum Opfer wird – unabhängig davon, ob er auf der Seite der Besiegten oder der Sieger steht. Für Zurlini ein Fakt, aber kein Grund zum Fatalismus. Seine Protagonistinnen – als Prostituierte auf der untersten sozialen Hierarchie-Ebene angekommen – lassen sich nicht unterkriegen und machen dem Filmtitel damit alle Ehre. 

"Le soldatesse" Italien, Frankreich 1965, Regie: Valerio ZurliniDrehbuch: Ugo Pirro, Valerio Zurlini, Piero De Benardi, Leonardo Benvenuti, Franco SolinasDarsteller : Tomas Milian, Anna Karina, Valeria Moriconi, Lea Massari, Marie Laforêt, Mario Adorf, Aleksandar Gavric, Guido Alberti, Laufzeit : 98 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Valerio Zurlini: 

"Estate violenta" (1959)

Samstag, 18. März 2017

Poveri ma belli (Ich lass' mich nicht verführen) 1957 Dino Risi

Salvatore (Renato Salvatori) und Romolo (Maurizio Arena) teilen...
Inhalt: Unsanft wird Salvatore (Renato Salvatori) aus dem Schlaf gerissen, denn der von der Nachtschicht heimgekehrte Busfahrer erhebt Anspruch auf sein Bett, das Salvatores Mutter tagsüber vermietet hat. Dumm nur, dass er selbst erst spät nach Hause kam, weil er mit seinem Freund Romolo (Maurizio Arena), der mit Vater und Schwester Anna Maria (Alessandra Panaro) in der kleinen Nachbarwohnung lebt, im nächtlichen Rom um die Häuser gezogen war. Aber auch der Busfahrer kommt noch nicht zu seinem Schlaf. Einerseits mokiert er sich über die benutzte Bettwäsche, in der eine Grille haust, andererseits macht sich Salvatore im Zimmer noch frisch. 

..normalerweise alles, aber bei Giovanna (Marisa Allesio) wird's schwer
Gemeinsam mit Romolo verlässt er das Mietshaus, um zur Arbeit zu gehen, aber das hält sie nicht davon ab, stehen zu bleiben, als sie in einem Schneiderladen eine hübsche junge Frau entdecken. Unter dem Vorwand, einen maßangefertigten Anzug bestellen zu wollen, betreten sie den Laden, worauf Giovanna (Marisa Allesio), die die beiden Männer sofort durchschaut, sie bittet, sich in einer Umkleidekabine ihrer Hosen zu entledigen. Erwartungsvoll machen sich Salvatore und Romolo ans Werk - bis sie merken, dass sie in keiner Kabine, sondern im Schaufenster stehen. Giovanna hatte das Rollo hochgezogen und der lachenden Menge die Männer in Unterhosen präsentiert. Ein wenig beleidigt setzen sie ihren Weg fort, aber Giovanna geht ihnen nicht mehr aus dem Kopf… 

Die unter der Regie Pasquale Festa Campaniles entstandenen erotischen Komödien "Als die Frauen noch Schwänze hatten" (Quando le donne avevano la coda, 1970) oder "Das nackte Cello" (Il merlo maschio, 1971), verfügen heute noch über einen gewissen Bekanntheitsgrad in Deutschland und kamen auch auf Video oder DVD heraus. "Poveri ma belli",  gehört dagegen zu den Filmen, die in Italien bis heute populär sind, hierzulande aber vergessen wurden, obwohl der Film unter dem Titel "Ich lass' mich nicht verführen" Ende der 50er Jahre auch in den deutschen Kinos gelaufen war.

Dass Pasquale Festa Campanile als Drehbuchautor an "Poveri ma belli" beteiligt war, ist entsprechend unbekannt, wie auch seine Partnerschaft mit Massimo Franciosa, mit dem er vor seiner ersten Regie-Arbeit fast 10 Jahre gemeinsam Drehbücher verfasste und damit den Weg für die "Commedia sexy all'italiana" bereitete. Ähnlich wie die "sexuelle Revolution" Ende der 60er Jahre das Ergebnis des sozialen Wandels nach dem Krieg war, ist die erotische Komödie keine Erfindung der frühen 70er Jahre. 


Blickfang für die versammelten Herren: auf der Straße...
"Poveri ma belli" (deutscher Titel „Ich lass' mich nicht verführen“, übersetzt „Arm, aber schön“) hat es auf die Liste der "100 film italiani di salvare" (100 zu bewahrende italienische Filme) gebracht, die eine italienische Experten-Kommission Ende der 90er Jahre aufstellte. Angesichts einer Komödie über Liebeslust und - leid junger Römer, die 1957 so gut in Italien ankam, dass sie mit "Belle ma povere" (Puppe mit Pfiff, 1957) und "Poveri millionari" (1959) zwei Fortsetzungen nach sich zog, eine auf den ersten Blick überraschende Ehre. Anders als die spezifischen Totò-Komödien ("Totò a colori" (1952)), die sich adäquat nur schwer aus dem Italienischen übersetzen lassen, kamen die jeweils unter der Regie von Dino Risi entstandenen, immer mit denselben Hauptdarstellern besetzten „Poveri“-Filme auch in die deutschen Kinos. Nur der dritte Teil - ohne Beteiligung des weiblichen Stars Marisa Allesio herausgekommen, die nach ihrer Hochzeit früh ihre Karriere beendete - brachte es nicht mehr auf eine deutsche Leinwand, aber auch dessen zwei Vorläufer gerieten als Lustspiele unter vielen schnell in Vergessenheit.

...oder in den eng stehenden Miethäusern
Zu unrecht. „Poveri ma belli“ wurde zu einer wichtigen Initialzündung für die italienische Komödie, besonders für die in den 60er Jahren aufkommende „Sexy“-Variante. Mit dem jungen Autoren-Duo Pasquale Festa Campanile und Massimo Franciosa verfassten zwei Protagonisten der späteren „Commedia sexy all’italiana“ das Drehbuch. Und Regisseur Dino Risi, mit dem sie hier ihren ersten von fünf gemeinsamen Filmen schufen – neben den drei „Poveri“-Teilen noch „La nonna sabella“ (1957) und „Venezia, la luna e tu“ (Der Windhund von Venedig, 1958) – sollte zu einem führenden Vertreter der „Commedia all’italiana“ werden. Mit Filmen wie "Il sorpasso" (Verliebt in scharfe Kurven, 1962) oder "I mostri" (1963) warf Risi entlarvende Blicke hinter die Fassade der italienischen Sozialisation – nicht zuletzt auch auf das Sexualleben seiner Landsleute.

Romolos Schwester Marisa (Lorella De Luca) wird nicht ernst genommen
Ihr gemeinsames Frühwerk „Poveri ma belli“ erscheint dagegen noch leichtgewichtig und wenig sozialkritisch. Die beiden jungen Männer Salvatore (Renato Salvatori) und Romolo (Maurizio Arena), im Mietshaus Seite an Seite aufgewachsen und seit ihrer frühen Kindheit miteinander befreundet, genießen das Sommerleben in Rom. Ihre Jobs – Salvatore arbeitet als Bademeister in einem Tiber-Strandbad, Romolo als Aushilfe im Plattenladen seines Onkels (Mario Carotenuto) – nutzen die gutaussehenden Kerle, um bei den Frauen ihren Charme spielen zu lassen. Abends schmeißen sie sich in Schale und streifen durch die Stadt – immer auf der Suche nach dem nächsten hübschen Mädchen. Ihre jüngeren Schwestern, die jeweils in den Freund des Bruders verliebt sind, nehmen sie dagegen nicht als Frauen wahr und behandeln sie mit der entsprechenden Ignoranz.

Dagegen legen sich die Freunde bei Giovanna...
Die beiden männlichen Hauptdarsteller Maurizio Arena und Renato Salvatori verdankten diesen Paraderollen ihren Durchbruch, ihr weiblicher Widerpart Marisa Allesio war als „italienische Jayne Mansfield“ dagegen schon sehr populär in Italien. In der Rolle der Giovanna wird sie zum Love-Interest beider Männer, denen es gelingt, sich mit ihr am Abend zu verabreden, was sie gegenüber dem Anderen selbstverständlich verschweigen. Bis sie sich am Treffpunkt begegnen und feststellen müssen, dass sie auf dieselbe Frau warten. Für Salvatore kein Problem, der beim gemeinsamen Tanz als von Gefühlen übermannter Charmeur auf einen Kuss dringt. Und ihn auch bekommt. Er glaubt sich am Ziel, aber Romolo, der die Party zuvor missgelaunt verlassen hatte, gibt noch nicht auf. Mit seiner Masche, den uninteressiert scheinenden, abweisenden Coolen zu geben, gelingt es ihm ebenfalls Giovanna zu küssen.

...richtig ins Zeug, aber...
„Poveri ma belli“ benötigt nicht lange, um eine Handlung in Gang zu setzen, die weniger stringente Erzählung, mehr facettenreiche Momentaufnahme ist. Es ist das Abbild einer jungen Generation im sozialen Wandel der Nachkriegszeit, für die Spaß und Freizeitvergnügen an erster Stelle steht. Und die Sexualität, woran „Poveri ma belli“ in seiner für die Entstehungszeit ungemein frivolen Inszenierung keinen Zweifel ließ. Besonders Giovanna, die nicht nur mit beiden Männern offen turtelt, sondern mit Ugo (Ettore Manni), obwohl er kurz zuvor mit ihr Schluss gemacht hatte, noch einen weiteren Verehrer in der Hinterhand hat, widersprach in ihrem selbstbestimmten Verhalten den vorherrschenden Moralvorstellungen. Der deutsche Filmtitel „Ich lass' mich nicht verführen“ brachte es auf den Punkt, denn Giovanna behält jederzeit die Kontrolle über das Liebesspiel. Trotz ihrer freizügigen Bade-Kleidung und der sie umgebenden Männer, entsteht nie der Eindruck, dass sie leicht zu haben ist.

...auch Ugo (Ettore Manni) hat noch nicht mit ihr abgeschlossen
Damit hielten Risi und sein Autoren-Duo den Männern den Spiegel vor, die zwar nichts anbrennen ließen, gleichzeitig aber gerne den Moralapostel spielten. Gegenüber ihren jeweiligen Schwestern Marisa (Lorella De Luca) und Anna Maria (Alessandra Panaro) sind die beiden Freunde schnell mit Vorhaltungen, sobald diese sich auch nur dezent aufhübschen. Da setzt es auch mal eine Ohrfeige als Ausdruck einer Doppelmoral, die Männern wie Romolos Onkel – von Caretonuto mit gewohntem Hang zur Lächerlichkeit verkörpert - nächtliche Affären mit verheirateten Frauen in seinem Plattenladen erlaubte, von den jungen Frauen aber sittsames Auftreten verlangte. Allzu dramatisch nahm „Poveri ma belli“ die Sache nicht, sondern wahrte dank seiner beiden sympathischen Protagonisten, die sich selbst nicht zu ernst nahmen, das Gleichgewicht zwischen Komödie und Realität und schuf damit ein stimmiges Zeitbild.

Romolos Onkel (Mario Carotenuto) weiß seinen Plattenladen zu nutzen
Dazu trug auch ein Aspekt bei, auf den der originale Filmtitel und seine zwei Fortsetzungen anspielten – die Armut. Konkret wird sie im Film nicht thematisiert, aber sie bleibt trotz der Homogenität des sozialen Umfelds und der allgemein vorherrschenden Lebensfreude gegenwärtig. Auf wenig Raum leben die Familien in den einfachen Mietshäusern eng beisammen. Salvatore teilt sich sein Bett mit einem nachts arbeitenden Busfahrer, der es tagsüber als Schlafplatz gemietet hat. Die Jobs der beiden jungen Männer sind keine Nebenverdienste während der Ferien, sondern schmaler Haupterwerb, ohne Aussicht auf spätere Karrieresprünge. „Poveri ma belli“ betrachtete diese Situation mit Humor, romantisierte sie aber nicht. Verglichen mit Mario Monicellis "I soliti ignoti" (Diebe haben’s schwer, 1958), der im selben Umfeld angesiedelt war, hielt sich die Sozialkritik zwar zurück, ließ aber spüren, dass die libertären Freizeitaktivitäten immer auch Ablenkung vom Alltag sind. Und das die Protagonisten am Ende den Konventionen nicht entkommen können.

"Poveri ma belli" Italien, Frankreich 1957, Regie: Dino Risi, Drehbuch: Pasquale Festa Campanile, Massimo Franciosa, Dino Risi, Darsteller : Marisa Allesio, Renato Salvatori, Maurizio Arena, Lorella De Luca, Alessandra Panaro, Mario Carotenuto, Memmo Carotenuto, Ettore Manni, Laufzeit : 98 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Dino Risi: 

"L'amore in città" (1953) 
"Il sorpasso" (1962) 
"I mostri" (1963)
"Le bambole" (1965) 
"I nuovi mostri" (1977)

Donnerstag, 2. März 2017

Zenabel (Die Jungfrau mit der scharfen Klinge) 1969 Ruggero Deodato


Zenabel (Lucretia Love) zieht in die Schlacht um ihr Erbe...
Inhalt: Nachdem Zenabel (Lucretia Love) und ihre Freundinnen die Kerle, die ihnen beim Baden zugesehen hatten, überwältigt und dingfest gemacht haben, transportieren sie sie zur Belustigung aller ins nahegelegene Dorf. Doch ihr Spaß wird jäh unterbrochen, als Zenabel erfährt, dass ihr Vater im Sterben liegt, in dessen Zimmer sich inzwischen das halbe Dorf versammelt hat, um Abschied zu nehmen. Mit letzter Kraft erzählt er ihr, dass sie in Wirklichkeit eine Adlige ist, die er als Baby gerettet und in seine Obhut aufgenommen hatte. Ihre Eltern wurden von Don Alonso (John Ireland) ermordet und ihres Besitzes beraubt. Als Zeichen ihrer Abstammung übergibt er ihr eine Kette mit einem Anhänger. 

Pancrazio (Lionel Stander) und Cecco (Fiorenzo Fiorentini) wollen mitmachen
Nach seinem Tod verlässt Zenabel ihren Heimatort und schwört, nicht nur ihren rechtmäßigen Besitz zurück zu erobern, sondern die Männer das Fürchten zu lehren. Alle Frauen sollen sich ihr anschließen – ein Aufruf, dem zwei folgen. Doch ihre Gruppe vergrößert sich ständig. Erst retten sie eine junge Frau aus den Fängen dreier Vergewaltiger, dann geraten zwei Subjekte in ihre Falle: Pancrazio (Lionel Stander) und Cecco (Fiorenzo Fiorentini), die sich ihnen anschließen wollen. Als Männer sind sie nicht willkommen, aber Pancrazio, der seine Augen nicht von den Schönheiten lassen kann, schwört sich unterzuordnen, und Cecco findet sowieso, dass sie alle Frauen sind. Gemeinsam setzen sie ihren Weg fort bis sie zufällig Zeuge eines Überfalls einer Räuberbande unter der Führung von Gennaro (Mauro Parenti) werden… 


Der kurze Auftritt der Degenfechterinnen Isabella und Zenabel 

"Isabella duchessa dei diavoli" und "Zenabel" erschienen 1969 innerhalb weniger Monate auf der Kinoleinwand - in einer Phase, als der gesellschaftliche Wandel und die sexuelle Liberalisierung richtig Fahrt aufnahmen. Eine kämpfende Heldin in den Mittelpunkt eines Unterhaltungs-Films zu stellen, war zu diesem Zeitpunkt noch gewagt, gewann aber keine Reputation als emanzipatorisches Werk. Nicht nur, dass die Titelfigur häufig nackt ins Bild gerückt wurde, auch die Comicvorlage, auf deren Basis das Drehbuch entstand, besaß einen anrüchigen Charakter.

 Während sich "Isabella duchessa dei diavoli" als vorlagegetreue Verflimung verstand - schließlich gehörte Isabella-Erfinder Giorgio Cavedon zum Autoren-Team - interpretierte "Zenabel" den Comic sehr frei, persiflierte diverse Klischees und ironisierte dessen Voyeurismus. Hinsichtlich seiner Freizügigkeit blieb "Zenabel" zurückhaltend, sieht man von der bewusst in Zeitlupe gehaltenen Anfangssequenz ab, aber in seiner Orginalversion ist der Film kaum bekannt. Für die internationale Vermarktung wurden Szenen hinzugefügt, die den Charakter der Story entscheidend veränderten. Deutlich wird daran, dass das Urteil über beide Filme schon feststand und notfalls noch an die Erwartungshaltung angepasst wurde.






Zenabel lässt sich nicht aus der Ruhe bringen...
Das Fazit vorweg: "Zenabel" ist ein witziger, erotischer und geistreicher Film, der die Ende der 60er Jahre aufkommenden Freiheiten nutzte, sie gleichzeitig aber auch nicht allzu ernst nahm. In einem Punkt blieb sich "Zenabel" aber treu - dem Motto des Original-Filmtitels "Zenabel davanti a lei tremavano tutti gli uomini" (Zenabel, vor der alle Männer erzitterten). Eine Paraderolle für Lucretia Love, eine Darstellerin, die zwischen 1965 und 1980 in vielen erotischen Filmen zu sehen war - meist in Nebenrollen. In "Zenabel" konnte sie sich einmal richtig austoben, zudem noch an der Seite ihres Ehemanns Mauro Parenti in der Rolle des männlichen Co-Helden und Möchtegern-Liebhabers Gennaro, der hier aber genauso wenig zum Zug kam wie alle anderen Männer. Leider werden dem Film die hier genannten Qualitäten nur selten nachgesagt, da sie drei Voraussetzungen bedürfen: Einbeziehung des zeitlichen Kontextes, Kenntnis des thematischen Vorbilds - dem „Comic für Erwachsene“ (Fumetto per adulti) "Isabella" - und nicht zuletzt die originale Filmfassung mit einer Länge von 84 Minuten.

...auch nicht vom gefürchteten Don Alonso (John Ireland)
Die Phase des gesellschaftlichen Wandels Ende der 60er Jahre dürfte generell bekannt sein, für einen Einblick in die literarische Vorlage genügt die Ansicht der Comic-Verfilmung "Isabella duchessa dei diavoli", der nur wenige Monate zuvor in die italienischen Kinos kam. An dessen Drehbuch hatte auch „Isabella“-Autor Giorgio Cavedon mitgewirkt, der für eine originalgetreue Interpretation sorgte. Regisseur Ruggero Deodato und seine zwei Co-Autoren Gino Capone und Antonio Racioppi orientierten sich dagegen nur lose am Handlungsrahmen, sondern kontrastierten dessen widersprüchliche, den damaligen Zeitgeist widerspiegelnde Kreation einer Protagonistin zwischen Heldin und Lustobjekt, zwischen selbstbewusstem Auftreten und masochistischer Opferhaltung.

Eingangssequenz zu Bruno Nicolais Score: Stillleben mit Kuh...
Auch „Zenabel“ verfügt über Nacktaufnahmen, aber diese beschränken sich größtenteils auf die Eingangssequenz, in der sich junge Frauen zur großartigen Musik von Bruno Nicolai (eingespielt von Ennio Morricone) in Zeitlupe an einem Wasserfall entkleiden und sich mit Blüten bewerfen, während mitten im Bild unerschütterlich eine Kuh verweilt. Nicht nur die Spanner, die diese Szenerie beobachten, beziehen danach Prügel, Ruggero Deodato belustigte sich generell über den männlichen Voyeurismus. Darüber hinaus existieren in „Zenabel“ nur noch wenige freizügige Aufnahmen. Dafür zuständig ist Lucretia Love, die im Gegensatz zur ihrem Vorbild Isabella aber nie in eine Opferrolle gerät. In der obligatorischen Folterszene, in der sie der Tyrann Don Alonso (John Ireland) persönlich quälen will – ein prototypisches Handlungselement der Comicvorlage – kastriert dieser sich versehentlich selbst und spricht danach nur noch mit piepsiger Eunuchen-Stimme. Diese aus heutiger Sicht albern wirkende Umsetzung wählte den überspitzten Kontrast zur Ernsthaftigkeit des Originals und dessen Bedienung männlicher Fantasien.

...und poppigen Credits (nur im Original)
Auch die sonstige Anlage persiflierte das Vorbild. Beispielhaft steht dafür die Szene am Sterbebett des Vaters, der Zenabel kurz vor seinem Tod mitteilt, dass sie in Wirklichkeit nicht seine Tochter ist, sondern eine Adelige, deren Eltern von dem schändlichen Don Alonso ermordet und ihrer Besitztümer beraubt wurden. Die Worte des wenig malad wirkenden Todkranken werden mit einer mit Comicblasen angereicherten, slapstickhaften Stummfilmszene untermalt, in der es nicht annähernd so heroisch zugeht, wie Zenabels Vater zu vermitteln versucht, der unmittelbar danach sein Leben aushaucht. So glaubt nicht nur der Betrachter, sondern auch das trauernde Volk, das sofort alles an sich reißt, was nicht niet- und nagelfest ist, worauf der vermeintlich Tote noch einmal zu sich kommt und die gierige Bagage rausschmeißt. Diesem Stil blieb der Film treu, der jedes dramatische Klischee – die versuchte Vergewaltigung einer jungen Frau, die Treibjagd auf Jungfrauen, die Hinrichtungsszene oder die abschließende Schlacht – mit ironischer Leichtigkeit ins Gegenteil kehrte.

Die anfänglich noch kleine Frauen-Gruppe...
Unterstützt wird Zenabel bei ihrem Feldzug gegen den Baron nicht nur von einer Gruppe unterschiedlicher Frauen, sondern von zwei Männern, deren Witzfiguren selbst tief in die Klischee-Kiste griffen: der alternde Lüstling und der tuntige Schwule. Die Rolle des Pancrazio, der jeder jungen Frau augenrollend hinterher sieht, gleichzeitig die Annäherung einer Dicken (Fiammetta Ballara) aber angewidert ablehnt, gilt als ein Tiefpunkt in Lionel Standers langer und erfolgreicher Karriere. Auch der von Fiorenzo Fiorentini mit sympathischem Elan gegebene Cecco, der lieber als Frau durchgehen möchte, erfüllte die Vorurteile an diesen Typus. Relativierend lässt sich aber feststellen, dass in „Zenabel“ kein männlicher Charakter ohne Blessuren davon kam. Das galt auch für den coolen Räuber-Hauptmann Gennaro (Mauro Parenti), der sich mit Zenabel zwar eine Art Dauer-Flirt liefert und kräftig mitkämpfen darf, letztlich aber nur ihren schönen Rücken zu sehen bekommt – aus Entfernung.

...gewinnt schnell an Format
So zumindest in der italienischen Originalfassung, die für die internationale Vermarktung aber offensichtlich zu zahm war. Die us-amerikanischen Co-Produzenten ließen für die gut 90minütige und damit sechs Minuten längere englischsprachige Fassung einige Szenen nachdrehen, die den Erotikanteil deutlich ausdehnten. Erneut standen Lucretia Love und ihre Mitstreiter vor der Kamera, aber die satteren Farben und weicheren Konturen der Bilder oder die längere Haarpracht ihres Partners Parenti zeugen davon, dass die Aufnahmen erst zu einem späteren Zeitpunkt entstanden waren. Darüber ließe sich hinwegsehen, hätten diese zusätzlichen Szenen nicht unmittelbar Auswirkung auf den Charakter und damit die Intention des Films. Schon die Ausdehnung des Überfalls auf die junge Frau, der Zenabel und ihre Freundinnen - anders als im Original - erst zu Hilfe kommen nachdem sie vollständig entkleidet wurde, verlieh dem spielerischen „Zenabel“ eine unpassende Härte.

Don Alonso bei der Auswahl der Jungfrauen für die Jagd
Das steigert sich ins Unangenehme als die Heldin erstmals den Räuber-Hauptmann Gennaro trifft. Dieser, leicht verärgert, dass sie keinen Respekt vor ihm zeigte, versucht ihrer habhaft zu werden, stellt ihr eine Falle und küsst sie. Belohnt mit einem Biss in seine Lippe, kehrt er unverrichteter Dinge zu seinen Männern zurück. Diese Konsequenz ihrer ersten Begegnung ist auch in der englischsprachigen Version zu sehen, nur dass es nicht bei dem Kussversuch blieb. Gennaro hatte Zenabel zuvor gefesselt und von hinten vergewaltigt. Diese grob hineingeschnittene Sequenz widersprach nicht nur dem sympathischen Charakter des lässig-charmanten Räubers, sondern stellte seinen folgenden frivol-frechen Umgang mit Zenabel in Frage. Etwas zurückhaltender blieb die deutsche Kinofassung, die den Sex zwischen den Protagonisten einvernehmlich schilderte - mit deutschen Darstellern nachgedreht - aber das änderte nichts an der Missachtung der Absichten Deodatos.

Rebell und Räuber Gennaro (Mauro Parenti) wirft ein Auge auf Zenabel...
Denn konkreter Sex findet in „Zenabel“ nicht statt, egal welche Methoden die Männer auch anwenden. Selbst die „Jungfrauenjagd“ wird boykottiert, in dem die KO-Tropfen im Getränk der Männer landen, die sich darauf nicht mehr auf den Beinen halten können. Einzig Don Alonso hatte nichts zu sich genommen, aber den erledigt Zenabel auch so. Als der Film 1972 in die deutschen Kinos kam, war dessen Anteil an Nacktaufnahmen gemessen am inzwischen gewohnten Standard gering, weshalb fast 15 Minuten der Handlungselemente gestrichen wurden (darunter auch eine knappe Minute der Zeitlupen-Sequenz zu Beginn), um an jeder möglich scheinenden Stelle zwei Nackedeis einzublenden. Deren Inszenierung und Auftreten wirkt so deplatziert, dass die Szenen leicht ignoriert werden können, ändert aber nichts an deren verfälschender Wirkung von Frauen, die den Männern jederzeit zur Verfügung stehen.

...kommt aber nicht näher an sie heran (Schlussbild des Originals)
Die Schnitte und hinzu gefügten Szenen hatten allein den Zweck, „Zenabel“ besser als Erotik-Film vermarkten zu können, aber die Ignoranz gegenüber Deodatos ironisch-spöttischem Blick auf die sich verändernden Geschlechterrollen sagt viel über eine Haltung aus, an der sich bis heute wenig geändert hat. Signifikant steht dafür eine Szene, die es nur in der englischsprachigen Fassung gibt, deren scheinbare Folgerichtigkeit aber auch heutige Erwartungen noch erfüllt. Zenabel und Gennaro endlich in Liebe vereint. Eine Parallele zu "Isabella duchessa dei diavoli", in der die Heldin ebenfalls am Ende dem Mann an ihrer Seite gehört. So viel männliche Bestätigung musste schon sein - in Deodatos Urfassung war sie nicht vorgesehen.

"Zenabel" Italien 1969Regie: Ruggero Deodato, Drehbuch: Ruggero Deodato, Gino Capone, Antonio Racioppi,  Darsteller : Lucretia Love, John Ireland, Mauro Parenti, Lionel Stander, Fiorenzo Fiorentini, Elisa Mainardi, Fiametta Baralla, Christine Haydar, Nello Pazzafini, Laufzeit : 84 Minuten, (englisch 90 Minuten), (deutsch 76 Minuten)

weitere im Blog besprochene Filme von Roggero Deodato: 

"Ultimo mondo cannibale" (1977) 

Der Name "L'amore in città" bezieht sich auf einen Episoden Film aus dem Jahr 1953, der erstmals Regisseure in Italien dazu brachte, ihre extra dafür geschriebenen und gedrehten Kurzfilme zu einem Gesamtwerk zu vereinen. Der Episodenfilm steht symbolisch für eine lange, sehr kreative Phase im italienischen Film, die in vielerlei Hinsicht stilbildend für die Kunstform Film wurde. Die intensive Genre-übergreifende Zusammenarbeit unter den Filmschaffenden war eine wesentliche Grundlage dafür.